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„Es ist wichtig, dass man manchem widerspricht.“

Bericht in „zwei | viertel 2009“ – Zeitschrift der Allianz deutscher Designer [AGD] von Boris Buchholz.

Er ist ein schreibender Designer. Ein Linker, der bewusst nicht aus dem rechten Kiez im Osten Berlins wegziehen möchte. Er ist ein emsiger Neu-Denker, der sich an unbequemen Ansichten reiben und von den Gedanken Anderer inspiriert werden möchte. Christoph Nitz ist Designer, Journalist, Dozent, Politiker – und einer der treibenden Köpfe hinter der Linken Medienakademie.

Die Linke Medienakademie, kurz LiMA, zähle mittlerweile „zu den größten Medienkongressen in Deutschland“, schreibt die Journalistenzeitschrift der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di „M – Menschen – Machen – Medien“ in ihrer April-Ausgabe. Zum Kongress im März 2009 kamen rund 650 Teilnehmer und 100 Referenten, 130 Angebote waren im Programmheft ge- listet – von handwerklichen Journalisten-Workshops, über Layout-Seminare und Diskussionsveranstaltungen bis hin zu Besichtigungen, Lesungen, Kulturprogramm und Party.

Begonnen hatte die LiMA ganz klein: 2002 beschloss der Parteivorstand der PDS, dass die eigenen Publikationen besser werden müssten und organisierte erste Weiterbildungsangebote. Christoph Nitz war von Anfang an dabei: „2002 waren wir zwölf Teilnehmer und zwei Teamer.“ 2008 hat sich die LiMA selbständig gemacht und wird seitdem von einem eigenen Verein getragen.

Seitdem die Veranstaltungen für jedermann angeboten werden, wächst das Interesse von Jahr zu Jahr noch schneller. „Nächstes Jahr rechnen wir mit 750 Teilnehmern“, berichtet Christoph Nitz, der geschäftsführendes Vorstandsmitglied des LiMA-Trägervereins ist.

Das Geheimnis des großen Erfolgs beruhe, so der 44-jährige Wahl-Berliner, auf zwei wichtigen Prinzipien: „Zum einen sind bei uns jenseits von Parteimitgliedschaften Alle willkommen, die sich politisch im Sinne von Willy Brandt links der Union und FDP verstehen. Zum anderen bieten wir einen in der Weiterbildungsbranche einmaligen Dreiklang an: Weiterbildung, Debatte, Networking.“
Letzteres – Menschen kennenzulernen und mit ihnen zu diskutieren – ist ein Spezialgebiet von Christoph Nitz. In fast dreißig Vereinen und Verbänden ist er Mitglied, vom Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung über DIE LINKEN und den Tourismusverein Berlin Treptow-Köpenick bis hin zur taz Genossenschaft. Er will über den Tellerrand schauen: „Es bringt ja nichts, sich in eine Wagenburg einzumauern, als Linke – wie auch immer man sie verortet – vor sich hinzuträumen. Denn das hat wenig mit der Realität zu tun. Medienmachen jedoch hat immer mit der Realität zu tun.“

Seitdem er zwölf Jahre alt war, ist Christoph Nitz ein überzeugter Medienmacher. Damals in Tübingen arbeitete er bei der Schülerzeitung mit, sie hieß „Öko“. Gedruckt wurde sie auf einem Recyclingpapier, das „auf der einen Seite so rissig und kantig war, wie man sich DDR-Toilettenpapier vorstellt“. 1976 waren die Grünen noch nicht gegründet, die Umweltbewegung steckte in den Kinderschuhen. Daher sei es eine hochpolitische Entscheidung gewesen, Recyclingpapier zu verwenden. Umweltbewusstsein war bei der Elterngeneration meist nicht vorhanden. Der Neckar sei verschmutzt, weil in Waschmittel eben Phosphate gehören, meinte Christoph Nitz‘ Vater. Sein Sohn wollte es sich so einfach nicht machen und setzte seine Überzeugungen in politisches Handeln um.

Damals war er im Christlichen Verein junger Menschen, kurz CVJM; die Jugendlichen schlossen Wetten darüber ab, wer bei den beliebten Stocherkahnfahrten auf dem Neckar den Mut habe, in das dreckige Wasser zu springen – für zehn Mark. „Ich bin nie in den Fluss gesprungen“, berichtet Christoph Nitz: „Ich war noch nie käuflich.“ Es ist sein roter Faden: Er tut das, was er tut, aus fester politischer Überzeugung.

Das Pressebüro Nitz befindet sich in der Weitlingstraße in Berlin-Lichtenberg. Der Weitling-Kiez ist weithin für seine Attraktivität für Neonazis bekannt. Der Berliner Verfassungsschutz erklärte Mitte 2007, dass der Kiez Schwerpunkt von „autonomen rechtsextremen Kleingruppen“ sei. „Eigentlich wollten meine Frau und ich nach Friedrichshagen, weil es dort hübscher ist“, sagt Christoph Nitz. Aber dann hätten sich beide entschieden zu bleiben und bewusst „im Kiez Flagge zu zeigen“. Auf überzeugte Neonazis treffe er kaum, aber mit den Leuten, die teilweise die Argumente der „rechten Menschenfänger“ übernähmen, „mit denen kann man sich, wenn man seine Brötchen oder seine Zeitung kauft, auseinandersetzen“. Christoph Nitz: „Es ist einfach wichtig, dass man manchem widerspricht.“ bb

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